Internate in Deutschland

Die Internatelandschaft im deutschsprachigen Raum ist vielfältig und unübersichtlich: Schätzungen gehen von insgesamt 250 Internaten in Deutschland aus, gerechnet von kleinen Häusern mit wenigen Betten ohne eigene Schule über Internate speziell für Berufsausbildungen wie Hotelfachleute bis hin zu den  klassischen bekannten Namen mit bis zu 600 Internatsschülern an mehreren Standorten.

Diese Branche ist kaum untersucht, da sich die Kultusministerien der Länder nur für Schüler interessieren und daher in ihren statistischen Meldungen nur die Schülerzahlen abfragen, jedoch ohne Trennung in Internatsbewohner und andere, sogenannte externe Schüler. Die Heimaufsichten als Aufsicht über die Internate wiederum fragen Bettenzahlen aller Heimbetreiber ab, also auch von Wohngruppen oder SOS Kinderdörfern. Somit ist deren Erhebung ebenfalls nicht aussagekräftig.

So erfasst keine Behörde systematisch Internate und veröffentlicht diese Liste in einer nutzerfreundlichen Übersicht.

Somit stehen Eltern, die sich das erste Mal mit der Frage „Internat“ beschäftigen, vor einer zunächst unübersichtlichen Landkarte. Hilfe versprechen Internatsberater, die „kostenlos für Eltern“ Aufklärung versprechen und „das richtige Internat für Ihr Kind“ finden. Doch vor der Kontaktaufnahme zu diesen Vermittlungen ist zu berücksichtigen: Internatsberater sind mitnichten ehrenamtlich tätig, sondern erhalten von den Schulen bei Aufnahme eine Provision. Somit ist diese Beratung weder interessenfrei, noch arbeiten  alle Internate mit allen Internatsberaten zusammen (auch dieser Blogbeitrag ist nicht neutral – die Webseite www.die-internate.de ist eine 100%-Tochtergesellschaft der gemeinnützigen „Die Internatevereinigung e.V.“ und wird von deren Mitgliedsinternaten finanziert).

„ "Unabhängige" Internatsberater finanzieren ihren Geschäftsbetrieb über Provisionen und empfehlen daher Internate, mit denen sie eine Vertragsbeziehung haben. “

Internatsberater arbeiten wie Versicherungsmakler

Vier Kriterien für die Vorauswahl

Es gibt einfache Wege, relativ schnell zu einer Vorauswahl zu kommen. Denn zu beantworten sind im ersten Schritt nur vier wesentliche Fragen, die sich über entsprechende Begriffe in Suchmaschinen leicht eingrenzen lassen:

  • Schulform
  • Budget
  • Sprachenangebot
  • Öffnungszeiten

 1. Schulform

Suchen Sie eine Realschule, ein Gymnasium, ein Aufbaugymnasium, eine Grundschule … – je nach Wahl fallen hier bereits 80% aller Internate heraus. Daher ist es unerlässlich, in der Suchmaschinen neben dem Begriff Internat oder Internate die Schulform als Suchwort anzugeben.

Eine Option hierfür ist übrigens auch, den von uns angebotenen Internatsvergleich zu nutzen. Dieser ermöglicht eine Auswahl nach Schulform.

(Übrigens: „Staatlich anerkannte Ersatzschulen“ können wie staatliche Schulen Abschlüsse vergeben, „genehmigte Ergänzungsschulen“ ergänzen das staatliche Angebot – Abschlüsse werden von staatlichen Prüfern und somit nicht den eigenen Lehrern abgenommen.)

 2. Budget

Bei Internaten ist es wie bei Autos: Obwohl jedes Auto in der Lage ist, uns von A nach B zu bringen, gibt es sehr große Preisunterschiede. Gleiches gilt für Internate, die monatlich zwischen 150 Euro und 3.500 Euro pro Monat kosten.

Die meisten deutschen Internate sind gemeinnützig, d.h. sie schütten keine Gewinne aus. Obwohl also alle Internate das „Betriebsergebnis 0 Euro“ treffen wollen, gibt es solche Unterschiede. Wie kommt es dazu?

Zwischen 65% und 75% der Kosten einer Internatsschule entfallen auf das Personal – günstige Internate sparen also insbesondere beim Personal. Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten, u.a.:

  • Sie wählen in der angegliederten Schule eher große Klassenstärken – so können in Waldorfschulen in einzelnen Fächern bis zu 38 Schülerinnen und Schüler in einem Kurs unterrichtet werden. Da jeder Schüler Gebühren entrichtet, die Lehrkraft jedoch nur pro Stunde bezahlt wird, können damit die Gebühren für Eltern attraktiv gestaltet werden.
  • Sie bezahlen ihre Lehrer nicht genauso wie im öffentlichen Dienst. Schulen in freier Trägerschaft sind nach Artikel 7 GG zwar verpflichtet, die „wirtschaftliche Stellung der Lehrkräfte“ zu sichern und Gerichtsurteile setzen als Grenze meist 80% des Gehaltes einer vergleichbaren Lehrkraft im Staatsdienst an, jedoch bezahlen eben einige Schulen/Internate Tariflohn, andere nicht. Bei einer Schule, die deutlich unterhalb des Tariflohns bezahlt, wäre zu prüfen, wieso Lehrkräfte bereit sind, für 80% des Vergleichslohns zu arbeiten, wenn es in vielen Fächern Lehrermangel gibt (positive Antworten können beispielsweise sein, dass sich Lehrkräfte besonders mit dem pädagogischen Konzept ihrer Schule identifizieren oder wohnortnah arbeiten möchten).
  • Sie setzen im Internat kirchliche Mitarbeiter anstelle von Lehrern ein. Kirchliche Internate haben meist einige konkurrenzlos günstige Arbeitskräfte: Nonnen und Mönche erhalten kaum Lohn und übernehmen wichtige Aufgaben im Internat – kein Wunder, dass der Preis kirchlicher Träger deutlich unter dem anderer Internate liegt.
  • Sie schließen das Internat von Freitag 13:00 bis Montag 07:00 ab und schicken ihre Schüler grundsätzlich über das Wochenende nach Hause.

Hinzu kommt: Auf der Einnahmeseite erhalten Internate neben (je nach Bundesland unterschiedlich hohen) staatlichen Zuschüssen für den Schulbetrieb aus ganz unterschiedlichen Quellen Gelder:

  • Staatliche (Hochbegabten-)Internate wie Schulpforta, St. Afra oder Schloss Hansenberg werden zu einem weit überwiegenden Teil vom Bundesland finanziert, dementsprechend niedrig sind die Gebühren.
  • Kirchliche Internate erhalten oft Zuschüsse ihrer Glaubensgemeinschaft.
  • Und dann gibt es noch Spezialisten wie beispielsweise das United World College in Freiburg, welches von der Robert Bosch Stiftung gegründet und finanziert wurde.

Klar wird: Ein Internat in freier Trägerschaft mit kleinen Klassen, welches seine Lehrer vergleichbar mit dem Staat bezahlt und diese auch im Internat einsetzt, muss wesentlich teurer sein als ein staatlich finanziertes Internat, das von Nonnen geführt wird und bei dem die Schüler voll finanzierte staatliche Schulen besuchen. Alle verschiedenen Varianten und Kombinationen haben ihre Berechtigung, ihre Vor- und Nachteile – es ist jedoch wichtig, diese Unterschiede zu kennen und danach auszuwählen.

Grobe Richtwerte, von denen es sicherlich Ausreißer gibt, sind:

  • Staatliche Internate kosten zwischen 250 und 650 Euro im Monat
  • Kirchliche Internate kosten zwischen 1.000 und 1.800 Euro im Monat
  • Internate in freier Trägerschaft kosten ab 1.650 Euro aufwärts

Wichtig ist: An fast allen Internaten gibt es Stipendien und Sozialnachlässe. Somit sollte der Preis eine Richtschnur sein, er kann aber in vielen Fällen, insbesondere für Schüler mit guten Leistungen oder hohem Engagement, durch Stipendien oder Nachlässe reduziert werden. So vergeben einige Internate für begabte Schülerinnen und Schüler Stipendien von bis zu 95% ihres Regelbeitrags, die Mehrheit der Stipendien liegt um 50% des Regelbeitrags. Meist werden erste Informationen zu den finanziellen Möglichkeiten auf den Webseiten der Internate genannt.

Zudem gibt es Situationen, bei denen das Jugendamt Leistungen übernimmt oder auch Schüler-Bafög gezahlt wird – die Internate informieren Sie über diese Sonderfälle.

 

Sprachangebot und Öffnungszeiten

 3. Sprachangebot

Der Wechsel auf ein Internat bringt ohnehin viel Wirbel in das (soziale) Leben – es dauert mindestens eine Ferienunterbrechnung, bis man so richtig im Internat angekommen ist. Wenn möglich sollte also nicht noch gleich zu Beginn das Nachlernen einer Fremdsprache erschwerend hinzukommen: Wer nicht sprachbegabt ist, sollte eine Schule auswählen, die genau die Sprachenfolge anbietet, die bereits gelernt wurde (eine Ausnahme ist die Aufnahme in die Kursstufe, denn zu diesem Zeitpunkt sollen gemäß den Bildungsplänen ohnehin alle Sprachen das gleiche Niveau erreicht haben).

 4. Öffnungszeiten

Wenn man sich ein/zwei Abende Zeit nimmt und im Internet recherchiert, dann sollte sich die Zahl der in Frage kommenden Internate auf 5 bis maximal 10 reduzieren lassen.

Wenn man bei diesen dann ein wenig Recherche betreibt und Zeitungsartikel oder Auftritte in sozialen Medien betrachtet, dann wird sich, zumal wenn spätestens jetzt Ihr Kind mitreden darf, die Zahl vermutlich auf fünf Häuser reduzieren lassen.

Diese fünf Internate sollte man anrufen und sich Informationsmaterial bestellen und bei diesem Anruf die Frage nach den Öffnungszeiten des Internats stellen:

Internate, bei denen am Wochenenden 80% der Schüler nach Hause fahren oder die vielleicht sogar am Wochenende grundsätzlich geschlossen haben, kommen nur dann in Frage, wenn die Entfernung zum Wohnort mit öffentlichen Verkehrsmitteln unter 2 Stunden liegt. Denn während die Rückfahrt am Freitag kein Problem ist, sollte die Anreise zur Schule am Montag nicht regelmäßig den Wochenstart vermiesen.

Internate mit einer Anfahrtszeit über 2 Stunden vom Heimatort und ohne regelmäßigen Wochenendbetrieb scheiden also aus… Internate mit Wochenendbetrieb, die jedoch weiter entfernt sind, sollten dagegen besucht werden, denn es gibt ein letztes Kriterium, von dem viele glauben, dass es relevant ist – ist es jedoch nach unserer Erfahrung nicht…

Lage/Ort

Väter und insbesondere Mütter mögen sich fragen: „Ja und der Ort? Mein Kind soll doch jederzeit nach Hause kommen können und ich möchte es auch mal Abends besuchen!“

Die Erfahrung zeigt, dass dieses Kriterium seitens der Eltern massiv überschätzt wird. Wenn sich Ihr Kind an seiner neuen Schule wohl fühlt und dort Freunde findet, dann spielt die Entfernung zum Wohnort kaum eine Rolle. Während der Schulzeit wird Ihr Kind die Wochenenden im Internat verbringen wollen, um bei seinen Freunden zu sein und ja keine Entwicklung im sozialen Umfeld zu verpassen, um dann in den Ferien umso lieber nach Hause zu kommen.

Für Eltern, die ihrem Kind ein Internat in England ermöglichen, spielt die Reisezeit keine Rolle – wieso sollte dies dann innerhalb Deutschlands so sein?

Jens-Arne Buttkereit